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--- © Udo Elfert 2009 http://www.udoelfert.de ---
Das Silbieren von Wörtern spielt nicht nur bei der Förderung der phonologischen Bewusstheit, sondern auch allgemein im Kindergartenalltag eine große Rolle. Immer wieder wird man mit Spielen, Versen und Texten konfrontiert, in denen Wörter silbisch gesprochen werden sollen. Für die Förderung der Sprache im Allgemeinen und für die Förderung der phonologischen Bewusstheit als Vorbereitung auf den Schriftspracherwerb in der Schule ist ein richtiges Silbieren von entscheidender Bedeutung. – Aber wie geht das eigentlich, das "richtige" Silbieren? Heißt es "Ze-bra" oder "Zeb-ra"? Heißt es "Ki-ste" oder "Kis-te"? Heißt es "Pup-pe" oder "Pu-ppe"? Der Rückgriff auf die Schriftsprache ist hier nicht unbedingt hilfreich, weil es beim silbierenden Sprechen von Wörtern um Sprechsilben geht und nicht um Schreibsilben.
Wie wird in der Sprachförderung silbiert?
Besonders heikel ist die Frage nach den Sprechsilben bei Wörtern mit Doppelkonsonanten. Hier ist häufig zu beobachten, dass Wörter mit wortmedialen Doppelkonsonanten (Puppe, Welle, Motte, Kasse usw.) als Schreibsilben silbiert und gesprochen werden, also "Pup-pe", "Wel-le", "Mot-te" usw. Wenn diese Vorgehensweise auch nachvollziehbar ist, so ist sie nichtsdestotrotz falsch und im Hinblick auf die Sprachförderung, die Förderung der phonologischen Bewusstheit und den Schriftspracherwerb nicht hilfreich. Man könnte nun Einwand erheben und sagen, man solle nicht päpstlicher sein als der Papst. Es würde ja schließlich auch schriftsprachlich so getrennt. Warum es wichtig ist, die richtigen Silben zu sprechen (Sprechsilben) und warum gerade für Kinder mit Defiziten im Spracherwerb und bei der phonologischen Bewusstheit ein falsches Silbieren sehr schädlich sein kann, soll im folgenden Text verdeutlicht werden:
Zunächst ist die Frage zu stellen, welche Ziele mit einem Silbieren überhaupt verfolgt werden. Zu nennen sind zwei Punkte: Zum einen dient das silbische Sprechen einer allgemeinen Verbesserung des (sprachlichen) Rhythmusgefühls und einer differenzierten Wahrnehmung von prosodischen Elementen (Sprechrhythmus, Sprechmelodie, Pausen etc.). Ein gutes Sprachrhythmusgefühl ist für Kinder vorteilhaft im Hinblick auf die eigene expressive Sprachentwicklung (= das eigene Sprechen) und auch für das Sprachverständnis. Zum anderen dient das Silbieren der Förderung der phonologischen Bewusstheit. Die phonologische Bewusstheit gilt als wichtige Vorläuferfähigkeit für den späteren Schriftspracherwerb. Sie ist die Fähigkeit, sich vom inhaltlichen Aspekt von Sprache zu lösen und sich den formalen Aspekten von Sprache zuzuwenden. Phonologische Bewusstheit bedeutet im vorschulischen Bereich dann zum Beispiel, ein bestimmtes Wort nicht im Hinblick auf seine Bedeutung (= Inhalt) hin zu betrachten, sondern nur im Hinblick auf seine Form: Ist das Wort lang oder kurz? Mit welchem Laut fängt das Wort an? Mit welchem Laut endet das Wort? Was reimt sich auf das Wort? Auch das Silbieren gehört zur phonologischen Bewusstheit. Dabei geht es für ein Kind um die Fähigkeit, ein Wort in Silben zu zerlegen, die Silbenanzahl zu benennen und/oder die Silben eines silbisch gesprochenen Wortes zusammen zu ziehen und zu verstehen, welches Wort sich hinter den Silben „verbirgt“. Nehmen wir einmal das Wort "Puppe". Unsere Frage ist, wie denn "Puppe" silbiert werden soll. Theoretisch kommen drei Möglichkeiten in Frage: "Pup-pe", "Pu-ppe" und "Pupp-e". Die dritte Möglichkeit widerspricht der schriftsprachlichen Trennung, unserer Intuition und auch den linguistischen Gesetzmäßigkeiten, so dass noch die beiden erstgenannten Möglichkeiten zur Auswahl bleiben. An der Schriftsprache orientierte Erwachsene würden die Silben "Pup" und "pe" bilden und dementsprechend silbieren. Diese beiden Silben entsprechen aber nicht den Sprechsilben, sondern nur den Schreibsilben. Entscheidend ist aber nicht, wie schriftsprachlich getrennt wird, sondern welche Sprechsilben es gibt. Beim Silbieren muss man sich an dem Gesprochenen orientieren und nicht am Geschriebenen. Untersuchen wir das Wort "Puppe" etwas genauer im Hinblick auf die Sprachlaute, die in dem gesprochenen Wort vorkommen. Das Wort Puppe besteht schriftsprachlich zwar aus 5 Buchstaben (3 Ps, ein U und ein E), lautsprachlich aber nur aus 4 Sprachlauten. Lautsprachlich beginnt das Wort mit einem P-Laut, gefolgt von einem kurzen, unbetonten U-Laut. Dann folgt wieder ein P-Laut und am Ende des Wortes ist ein kurzer, unbetonter E-Laut (auch Schwa-Laut oder Murmelvokal genannt) zu hören. In dem Wort Puppe gibt es in der Mitte also nur einen p-Laut! Wird das Wort als "Pup-pe" silbiert, wird damit suggeriert, es gäbe zwei p-Laute in der Mitte des Wortes. Das ist schlicht falsch und entspricht nicht der Wahrnehmung eines Kindes. Wir Erwachsenen meinen vielleicht zwei P-Laute in dem Wort "Puppe" zu hören; dies liegt aber nur daran, dass wir bei der Analyse des Wortes gleichzeitig immer das Schriftbild vor Augen haben. (Es ist wirklich so: In "Welle" gibt es lautsprachlich nicht mehr L-Laute als in "wähle". In "kämmen" sind lautsprachlich nicht mehr M-Laute enthalten als in "kämen". Der Unterschied zwischen "Welle" und "wähle" (bzw. "kämme" und "käme") liegt einzig in der Länge des Vokals vor dem mittleren Konsonanten.) Nun könnte man einwenden, dass lautsprachlich zwar keine zwei Konsonanten vorhanden seien, dass doch aber schriftsprachlich so getrennt würde. Warum solle man den Kindern dann nicht gleich auch schon beim Silbieren zeigen, dass das Wort in der Mitte mit zwei Konsonanten geschrieben wird. Dazu ist zu sagen, dass es bei der Förderung der phonologischen Bewusstheit nicht um das Erlernen der Schriftsprache geht, sondern um den Erwerb einer Vorläuferfähigkeit. Und der zentrale Punkt bei dieser Vorläuferfähigkeit besteht darin, genau hinzuhören und die Form von Sprache zu analysieren. Wir müssen bei der Förderung der phonologischen Bewusstheit also immer von der Lautsprache ausgehen, also von dem, was wirklich zu hören ist in einem Wort. Suggerieren wir dem Kind durch ein falsches Silbieren zum Beispiel, dass in einem Wort mehr Konsonanten seien, als tatsächlich sind, so wird das Kind in seiner Wahrnehmung und Interpretation von Lautsprache irritiert. Wir förderten damit nicht die phonologische Bewusstheit, sondern würden sie im Gegenteil stören und beeinträchtigen.
Phonologische Bewusstheit, Sprachförderung und Silbieren
Im vorschulischen Bereich müssen wir den Kindern nicht klar machen, dass zum Beispiel das Wort "Puppe" mit zwei P geschrieben wird. Im vorschulischen Bereich geht es um die Förderung der phonologischen Bewusstheit (also von dem, was zu hören ist) und nicht um den Erwerb von schriftsprachlichem Regelwissen. Das Regelwissen wird dann in der Grundschule erworben, etwas vereinfacht zum Beispiel in der Form von: "Hörst du einen kurzen Vokal, dann wird der darauffolgende Konsonant doppelt geschrieben." Damit die Kinder dieses Regelwissen verstehen und vor allem anwenden können, ist eine gut ausgebildete phonologische Bewusstheit wichtig. Die Erfahrung hat darüber hinaus folgendes gezeigt: Werden Wörter mit Doppelkonsonanten als Schreibsilben silbiert gesprochen ("Pup-pe") und nicht als Sprechsilben ("Pu-ppe"), so neigen die Kinder häufig zu einer Übergeneralisierung. Das führt zum Beispiel dazu, dass die betroffenen Kinder das Wort "Tische" als "Tisch-sche" silbieren oder das Wort "Möwe" als "Möw-we". Die Wahrnehmung von gesprochener Sprache und die Analysefähigkeiten der Kinder werden hierdurch dann vollends durcheinander gebracht.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass bei Wörtern mit Doppelkonsonanten so silbiert werden muss, dass der (geschriebene) Doppelkonsonant lautsprachlich nur einmal auftritt und immer - sofern nicht ein weiterer Konsonant folgt (z.B. bei "konnte") zur zweiten Silbe gezählt wird. Werden Programme zur Förderung der phonologischen Bewusstheit durchgeführt, kann man auf Wörter mit Doppelkonsonanten auch generell verzichten, wie dies zum Beispiel bei den Ausgaben von „Hören, Lauschen, Lernen“ von Petra Küspert seit der Auflage von 2006 der Fall ist.
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