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Nur Deutsch im Kindergarten? PDF Drucken E-Mail

--- © Udo Elfert 2009 - www.udoelfert.de ---

 

 

"Nur Deutsch" im Kindergarten – für zweisprachige Kinder ein Weg zu besseren Deutschkenntnissen?

Die Idee, dass der ausschließliche Gebrauch einer Sprache im öffentlichen Raum, die Sprachkenntnisse verbessern würde, gibt es schon länger. In den USA gab es (und gibt es teilweise noch immer) Bewegungen, die dafür plädieren, nur Englisch zu sprechen. („English-Only-Movement“) Diese Bewegung wirkte sich natürlich auch auf die Kindergärten bzw. Vorschulen aus, und in der Folge wurde gerade auch von Kindern im Vorschulalter in den Einrichtungen erwartet, dass sie verbal ausschließlich in der englischen Sprache kommunizieren.
Die These, dass ein eindeutiger Fokus auf das Englische, zu besseren Sprachkenntnissen vor allem auch bei den Einwandererfamilien und deren Kindern führe, hat sich in den USA nicht bewahrheitet. Ganz im Gegenteil gibt es gerade in den städtischen Gebieten verstärkt Bestrebungen, neben dem Englischen auch andere Sprachen zu fördern. Oft liegt dem die Erkenntnis zu Grunde, mit einer einzigen Sprache in einem rein einsprachigen Land im Hinblick auf die Globalisierung nicht konkurrenzfähig zu sein.
Auch in Deutschland gibt es die Idee, im Kindergarten ausschließlich Deutsch zu sprechen. Fast alles (oder zumindest vieles) spricht dagegen und die wissenschaftliche Forschung stützt diese Forderung ebenfalls nicht. Viele Einzelpersonen aber halten „nur Deutsch im Kindergarten“ für einen guten Weg, damit Kinder mit einer anderen Erstsprache als Deutsch bis zum Schuleintritt möglichst gut Deutsch sprechen lernen.

Es ist durchaus verständlich, dass bei ErzieherInnen ein Druck entsteht. Unbestritten ist, dass die ErzieherInnen oftmals vor erheblichen Herausforderungen stehen und dass ausgesprochen oder unausgesprochen erwartet wird, dass alle Kinder zu Beginn der Einschulung gut Deutsch sprechen können. Dies ist oftmals einfach nicht möglich und hat nichts mit der Unfähigkeit der ErzieherInnen zu tun. Die Frage ist nicht, wie es möglich ist, dass alle Kinder zum Zeitpunkt der Einschulung gut Deutsch können, sondern die Frage ist, wie Kinder zum Zeitpunkt der Einschulung möglichst gut Deutsch können. Dies ist ein oberflächlich gesehen kleiner, aber im Grunde entscheidender Unterschied, weil das Ziel „Jedes Kind soll im Kindergarten gut Deutsch sprechen lernen“ – vor allem unter den derzeitigen Rahmenbedingungen – schlicht nicht erreicht werden kann.
Mit dem System „nur Deutsch im Kindergarten“ lernen die Kinder die deutsche Sprache aber nicht besser, ganz im Gegenteil. Die Gründe sind vielfältig:

 

 

Emotionale Aspekte

Stellen wir uns vor, da kommt ein zwei-, drei- oder vierjähriges Kind mit einer anderen „Muttersprache“ (Erstsprache) als Deutsch in den Kindergarten. Bei diesem Kind ist die Sprachentwicklung in der Erstsprache noch nicht abgeschlossen (Dies ist sie erst mit etwa 6-7 Jahren.). Dieses Kind kommt in eine völlig neue sprachliche Umgebung und allgemein in ein neues kulturelles Umfeld. Dieses Kind wird sich defizitär vorkommen, weil es mit den sprachlichen Kompetenzen, die es bislang entwickelt hat, in dieser neuen deutschsprachigen Umgebung wenig oder bei „nur Deutsch im Kindergarten“ nichts anfangen kann.
Nun gibt es nicht in jedem Kindergarten die Möglichkeit, mit den Kindern Polnisch, Russisch, Türkisch, Französisch, Koreanisch usw. zu sprechen. Dort, wo es möglich ist, dass die Kinder ihre Erstsprache im Kindergarten wiederfinden, sollte dies ermöglicht werden.  Entweder im Gespräch zwischen Kind und ErzieherInnen oder zwischen den Kindern, die dieselbe Erstsprache haben, untereinander.
Nun könnte man sagen, die Kinder müssten da „eben halt durch“, zu ihrem eigenen Besten, damit sie beim Eintritt in die Grundschule möglichst gut Deutsch sprechen. Nein, die Kinder müssen da nicht durch, zumal ein „nur Deutsch im Kindergarten“ den Zweitspracherwerb nicht nur nicht fördert, sondern ihm im Gegenteil schadet.

 

 

Die Qualität des Erstspracherwerbs als Grundlage für den Zweispracherwerb

Entscheidend für die Qualität des Zweitspracherwerbs ist nämlich nicht die „Menge“ an Zweitsprache, welche die Kinder erfahren. Entscheidend für die Qualität der Zweitsprache ist die Qualität der Erstsprache, und die Spracherwerb der Erstsprache ist bei Kindern, die jünger als 6-7 Jahre sind, noch nicht abgeschlossen.
Viele sprachliche Kompetenzen, welche Kinder erwerben, beschränken sich nicht auf eine Sprache. Wir Erwachsenen denken, wenn wir an den Erwerb einer zweiten (bzw. einer weiteren) Sprache denken, an den „Fremdspracherwerb“. Da „lernen“ wir Vokabeln, „büffeln“ Grammatik und versuchen unsere Aussprache zu verbessern. So funktioniert aber nicht der Zweitspracherwerb bei Kindern, deren Erstspracherwerb noch nicht abgeschlossen ist. (Auch fortschrittlicher Fremdspracherwerb funktioniert anders.) In diesem Alter erwerben die Kinder sprachliche Kompetenzen, die nicht nur für eine Sprache gelten: Zum Beispiel erkennen die Kinder die Tatsache, dass es verschiedene Wortarten gibt. Die Kinder sprechen in diesem Alter zwar nicht von Nomen, Verben, Adjetkiven, Präpositionen und so weiter, aber sie erkennen, dass es Wörter gibt, die Objekte benennen (Nomen), dass es Wörter gibt, die Handlungen oder Zustände ausdrücken (Verben),  dass es Wörter gibt, welche die Eigenschaften von Objekten, Tieren oder Menschen beschreiben (Adjektive) und solche, die Relationen zwischen Dingen in Zeit und Raum darstellen (Präpositionen). Die Differenzierung in diese Wortarten gibt es in den meisten Sprache und ist somit universell. Kinder können diese allgemeine Erkenntnis dann von der Erstsprache auf die Zweitsprache übertragen. (Genau genommen wird da eigentlich nichts übertragen, weil es sich um eine Meta-Erkenntnis handelt.) Voraussetzung dafür ist allerdings, dass der Erstspracherwerb ungehindert geschieht und wenn möglich gefördert wird. (Die Erkenntnis, dass es verschiedene Wortarten gibt, ist übrigens Grundlage für einen ungehinderten Grammatikerwerb.)


Ähnlich ist es auch mit anderen sprachlichen bzw. meta-sprachlichen Erkenntnissen, welche ein Kind in der Sprachentwicklung gewinnt: Sehr wichtig für die Sprachentwicklung ist zum Beispiel, dass Kinder die Funktion von Sprache erkennen: Mit Sprache können Informationen übermittelt werden, mit Sprache können Wünsche geäußert werden, mit Sprache können Gefühle ausgedrückt werden, mit Sprache können Grenzen gesetzt werden, mit Sprache können andere Menschen zu Handlungen veranlasst werden oder von Handlungen abgehalten werden, mit Sprache können Informationen eingeholt werden, Sprache ist identitätsstiftend, Sprache kann emotionales Ventil sein, Sprache ist Werkzeug des Denkens, Sprache kann dem gemeinschaftlichen Zusammenhalt dienen, ganz allgemein wird also der eigene Einflussbereich, die eigene Welt, durch die Verwendung von Sprache viel größer. Werden diese sprachlichen Funktionen von Kindern nicht erkannt, bleibt der Spracherwerb rudimentär, und zwar sowohl im Hinblick auf die Erst- als auch im Hinblick auf die Zweitsprache.


Auch im Hinblick auf den Wortschatz, gibt es Dinge, die allen Sprachen gemeinsam sind, in der Erstsprache erworben werden und dann auch einer zweiten Sprache zur Verfügung stehen: Wörter werden in einem sog. „semantischen Lexikon“ im Gehirn gespeichert. Nun sind dort nicht nur die Wortformen gespeichert, sondern in erster Linie die Wortbedeutungen. (vgl. Erweiterung des Wortschatzes in der Sprachförderung) Das sich beim Erstspracherwerb dadurch bildende Bedeutungsnetzwerk ist im Grunde unabhängig davon, welche Sprache denn die Erstsprache ist. („Feuer“ zum Beispiel steht hinsichtlich der Bedeutung immer ganz in der Nähe von „heiß“, im Englischen genauso wie im Deutschen, im Russischen genauso wie im Türkischen.) Je besser die Erstsprache erworben wird, desto differenzierter und vernetzter gestaltet sich dieses semantische Netzwerk. Ein nur gering differenziertes Bedeutungsnetzwerk führt dazu, dass (neue) Wörter nur selten abgespeichert und nur schlecht abgerufen werden können.

Der Beispiele, für Erkenntnisse und Metafähigkeiten, die sich beim Erwerb der Erstsprache entwickeln und welche dann für den Erwerb der Zweitsprache zur Verfügung stehen, gibt es noch viele andere, die hier nur stichwortartig genannt werden sollen:

  • Symbolverständnis: Wörter sind Symbole für Objekte, Tiere, Menschen, Tätigkeiten, Eigenschaften usw.
  • Zeitliche Dimensionen (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) können sprachlich ausgedrückt werden, indem Verben flektiert (gebeugt) werden.
  • Die Kenntnis, dass ein Ich, ein Du und eine Welt unterschieden werden, führt zur Verwendung der 1., 2. und 3. Person im sprachlichen Ausdruck.
  • Es gibt Dinge in der Einzahl und in der Mehrzahl.
  • Die Erkenntnis, dass es Aktiv und Passiv gibt.
  • Sprache bedeutet Handeln und damit eine Erweiterung des eigenen Handlungsspielraums und Einflussbereiches. Sprache eröffnet Möglichkeiten.
  • Dialogfähigkeit und
  • pragmatisch-kommunikative Fähigkeiten

All dies sind Kompetenzen, die die Kinder während der „Erstsprachentwicklung“ erwerben, und die ihnen den Zweitspracherwerb ermöglichen und erleichtern. Der Zweitspracherwerb geschieht also primär nicht, indem die Kinder Wörter und Regeln (phonologische, morphologische und syntaktische Regeln) lernen, sondern baut auf den o.g. Meta-Fähigkeiten auf. 
Viel wichtiger als "Was" die Kinder spechen, ist, DASS die Kinder sprechen. Anders gesagt, erwerben Kinder die Zweitsprache Deutsch umso besser, je weiter entwickelt und gefestigter der Erwerb der Erstsprache ist. Wo es möglich ist, sollte deshalb die Erstsprache gefördert werden, ohne dabei den Zweitspracherwerb aus den Augen zu verlieren.

[Für Erwachsene gilt: Eine Fremdsprache wird umso besser erlernt, je mehr auf die Verwendung der Erstsprache verzichtet wird. Der Unterschied des Zweitspracherwerbs bei Kindern ist aber, dass diesen der Erstspracherwerb noch nicht abgeschlossen ist und zwar umso weniger, je jünger die Kinder sind.]

 

Gefahr der doppelten Halbsprachigkeit

Wird die Erstsprache nicht gefestigt, so wird nicht nur die Zweitsprache schlechter erworben, es besteht auch die Gefahr, dass die Erstsprache Schaden nimmt und – das ist besonders kritisch – es zur sog. doppelten Halbsprachigkeit (auch: Seminlingualismus, Partlingualismus, subtrakte Zweisprachigkeit) kommt. Darunter versteht man das Phänomen, wenn zwei Sprachen gesprochen werden und keine von beiden gut. Oft werden die Sprachen gemischt (zum Beispiel Grammatik der Sprache A und Wörter der Sprache B). Der Semilingualismus ist besonders fatal, weil es nach Abschluss des Spracherwerbs mit 6-7 Jahren kaum noch möglich ist, die beiden durcheinandergewürfelten Sprachen noch zu trennen. Außerdem fehlen oft die grundlegenden Erkenntnisse und Kompetenzen, die mit einem ungehinderten Erstspracherwerb verbunden sind. (s.o.)
Doppelte Halbsprachigkeit kommt meistens dadurch zustande, dass Kinder zwei Sprachen nicht voneinander trennen können (mangelnde sprachliche Trennungsfähigkeit). Für uns Erwachsene ist es selbstverständlich: „Kind“ ist Deutsch, „child“ ist Englisch. Wir wissen auch, dass es im Englischen das „th“ gibt, im Deutschen eine Aussprache von S-Lauten in dieser Weise aber als Lispeln bezeichnet würde. Um zwei Sprachen voneinander trennen zu können (sowohl im Hinblick auf die rezeptive Ebene – Sprachverständnis – als auch im Hinblick auf die expressive Ebene – den sprachlichen „Output“) muss ein Kind zwei unterschiedliche phonetisch-phonologische (Aussprache) Systeme, zwei voneinander getrennte morphologisch-syntaktische (Grammatik) Systeme und zwei unterschiedliche lexikalische Systeme (Wortschatz) ausbilden. Um diese sprachliche Trennungsfähigkeit zu gewährleisten, muss der Erwerb der Erstsprache eine hohe Qualität haben.
Deshalb ist auch Eltern von zweisprachigen Kindern im Kindergarten zu empfehlen, mit ihren Kindern in der Erstsprache zu sprechen. (Stabilisierung der Erstsprache, Verbessern der sprachlichen Trennungsfähigkeit, Vermeiden der doppelten Halbsprachigkeit, Prinzip: eine Person – eine Sprache)   


Sprache als Werkzeug des Denkens

Sprachverwendung, kognitive und intellektuelle Entwicklung hängen ganz eng zusammen. Da Sprache Werkzeug des Denkens ist, sind Kinder, die nicht in ihrer eigenen Sprache kommunizieren dürfen, im Hinblick auf ihre kognitive Entwicklung benachteiligt.
Ein Beispiel: Kinder, die nicht wissen, was "mehr" und "weniger" bedeuten, die keinen geübten Umgang mit Eigenschaften wie "größer" und "kleiner" haben, die nur wenig Präpositionen (wie zum Beispiel "vor", "hinter", "neben", "unter" usw.) kennen, haben später häufig auch Schwierigkeiten mit der Entwicklung von mathematischen Fähigkeiten. Entscheidend ist hierbei aber nicht, in welcher Sprache die Kinder diese Fähigkeiten entwickeln, sondern DASS die Kinder diese Fähigkeiten entwickeln.


Was bedeutet sprachliche Kompetenz?

Sprachliche Kompetenz bedeutet nicht in erster Linie, Wörter zu kennen und nach grammatikalischen Regeln zu verknüpfen. Sprachliche Kompetenz bedeutet, die Funktionen von Sprache zu erkennen, Sprache als Werkzeug zu begreifen, metasprachliche Fähigkeiten zu entwickeln und Sprache angemessen einsetzen zu können. All dies entwickelt sich in erster Linie beim Erwerb der Erstsprache. (Sicher, ohne Wörter und grammatikalische Regeln „funktioniert“ Sprache natürlich auch nicht, aber die o.g. Fähigkeiten sind grundlegender.)


Praktikabilität

„Nur Deutsch im Kindergarten“ bedeutet in letzter Konsequenz übersetzt, dass andere Sprachen im Kindergarten verboten werden. Dies heißt aber auch, dass wesentliche Kapazitäten für die Formulierung und Durchsetzung dieses „Verbotes“ aufgewendet werden müssen. Aufmerksamkeit und Kreativität gehen verloren, die an anderen Stellen viel sinnvoller eingesetzt werden könnten. Werden diese Kapazitäten zur Einhaltung des „Sprachverbots“ nicht aufgewendet, so ist dies noch schlimmer, weil es dann ein Verbot gibt, aber ohne klare Grenzen.
Neben der Frage nach der Praktikabilität wird ein generelles „Verbot“ außerdem den individuellen Situationen nicht gerecht. Und die darauf folgende Frage, welche Ausnahmen es von diesem „Sprachverbot“ geben sollte (Bei welchen Kindern?, In welchem Alter?, Bei was für einem Sprachentwicklungsstand? In welchen Situationen?), führt auch nicht zu einer praktikablen Lösung.
Einfacher als ein kräftezehrendes, diskriminierendes Verbot mit vielen Ausnahmen ist es, bestimmte Situationen zu bestimmen, in denen grundsätzlich Deutsch gesprochen werden sollte (z.B. im Stuhlkreis).


Sprechfreude

Die Sprechfreude ist das A und O der Sprachentwicklung. Ohne Sprechfreude läuft gar nichts. Die Sprechfreude bringt die Kinder zum Sprechen, und erst das Sprechen führt zum Spracherwerb. Wird Kindern die Verwendung ihrer Erstsprache untersagt, leidet darunter meist auch die Sprechfreude. Dies ist für die Sprachentwicklung sowohl im Hinblick auf die Erst- als auch auf die Zweitsprache absolut kontraproduktiv.
Stellen Sie sich vor, Sie fahren nach Frankreich in den Urlaub. Um ein wenig die Landessprache zu können, setzen Sie sich vier Wochen vor Reisebeginn hin und üben jeden Tag ein wenig Französisch. Ihr erstes „Spracherlebnis“ in Frankreich ist folgendes: Sie betreten ein Hotel, nehmen allen Mut zusammen und fragen nach einem Zimmer. Anstatt dass Ihnen freundlich begegnet wird, moniert der Concierge die schlechte Aussprache der französichen Nasallaute bei Ihnen. – Was ist die Folge eines solchen Erlebnisses? Möglicherweise sagen Sie sich: Eine blöde Sprache. Jetzt spreche ich einfach weniger (dann kann ich nicht so viel falsch machen) und nächstes Mal fahre ich nach Spanien in den Urlaub. Um Ihre Sprach- und Sprechfreude wird es auf jeden Fall nicht gerade besser bestellt sein. – So oder so ähnlich geht es Kindern, wenn die Sprechfreude versiegt. Umso schlimmer, weil die Kinder sich noch in der Sprachentwicklung befinden.


Interkulturelle Aspekte

Sprache ist Kultur und zentraler Ausdruck kultureller Identität. Wird eine Sprache verboten (und sei es mit guten Absichten und temporär nur im Kindergarten), so ist damit auch immer eine gewisse Geringschätzung einer Kultur verbunden. Oder positiv ausgedrückt: Interkulturelle Aspekte, die alle Kinder bereichern können, werden nicht genutzt. Kulturelle und interkulturelle Sensibilität zu fördern, neue Welten und Kulturen kennenzulernen, dazu kann Sprache ein wirksames Mittel sein.



Konsequenzen

 

  • Erlauben Sie den Kindern im Kindergarten, mit anderen Kindern gleicher Muttersprache in der Erstsprache zu sprechen.
  • Ist ein/eine ErzieherIn in der Einrichtung, welche die Erstsprache von bestimmten Kindern spricht (auf einem sehr guten Niveau, versteht sich), spricht nichts dagegen, mit diesen Kindern in der Erstsprache zu sprechen. – Unter Umständen ist es erforderlich, dass diese/r ErzieherIn dann ausschließlich in der Erstsprache mit den entsprechenden Kindern spricht, um Störungen in der Sprachentwicklung und doppelter Halbsprachigkeit vorzubeugen (Prinzip: eine Person – eine Sprache).
  • Kinder, welche dieselbe Erstsprache sprechen, finden sich oft zusammen. Lassen Sie die Kinder ruhig in ihrer Muttersprache sprechen. Dies dient der emotionalen Sicherheit genauso wie der Stabilisierung der Erstsprache und damit in der Folge auch der Zweitsprache. – Die Erfahrung zeigt, dass im Laufe der Entwicklung viele Kinder umso offener auch gegenüber der Zweitsprache werden, je sicherer sie sich fühlen. Gerade im Vorschulalter ist dann oft zu beobachten, dass sich ganze Gruppen von Kindern spielerisch weigern, in der Erstsprache miteinander zu sprechen.
  • Sprechen Sie mit den Eltern der zweisprachigen Kinder. Einige Eltern sprechen mit ihren Kindern im Kindergarten schlechtes Deutsch, und dies wird manchmal von ErzieherInnen auch nahe gelegt. Dies ist nicht notwendig und im schlimmsten Fall sogar schädlich (Gefahr der doppelten Halbsprachigkeit, s.o.). Lassen Sie die Eltern ruhig in der Erstsprache mit ihren Kindern sprechen.
  • In Einrichtungen mit einem sehr hohen Anteil von Kindern, deren Erstsprache nicht Deutsch ist (Ich kenne Einrichtungen, bei denen der Anteil dieser Kinder 100% beträgt.), müssen im Hinblick auf den Sprachgebrauch manchmal besondere Regeln formuliert werden. Andernfalls würde oft gar kein Deutsch mehr in diesen Einrichtungen gesprochen werden, und das kann natürlich kein Ziel sein. Regeln können da zum Beispiel sein: „Im Stuhlkreis wird nur Deutsch gesprochen, damit alle Kinder etwas verstehen können.“ Oder: „In kleineren Gruppen, in denen nicht alle dieselbe Erstsprache sprechen, sollte man Deutsch sprechen, um alle zu beteiligen.“
  • Bringen Sie den Kindern Respekt und Anerkennung für die bereits (zumindest teilweise) erworbene Erstsprache entgegen. Zeigen Sie Interesse auch an der Erstsprache. Fragen Sie nach, wie dieses oder jenes in der Muttersprache heißt.
  • Fördern Sie die Qualität der Erstsprache und die Verwendung der Zweitsprache gleichermaßen.
  • Legen Sie bei der Verwendung der Sprache Deutsch ein möglichst sprachförderndes Verhalten an den Tag: kein direktes Korrigieren, sondern die verbesserte Wiederholung, Blickkontakt halten, Interesse zeigen, auf den Inhalt des Geäußerten eingehen (und nicht die fehlerhaft Form monieren), die Sprechfreude fördern, die Kinder beteiligen, mit allen Sinnen fördern, auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen, die Kinder beteiligen, möglichst in natürlichen Situationen und nicht in konstruierten Situationen fördern, handlungsbegleitend sprechen und vieles andere mehr.



Mit Eintritt in die Grundschule ändern sich die hier beschriebenen Bedingungen. Die Sprachentwicklung der Kinder ist dann im Wesentlichen abgeschlossen. Außerdem sind die Kinder kognitiv weiter entwickelt  und emotional reifer. Die hier beschriebenen Zusammenhänge gelten also ausdrücklich nur für Kinder, deren Sprachentwicklung noch nicht abgeschlossen ist.

 

--- © Udo Elfert 2009 - www.udoelfert.de ---

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 01. November 2009 um 00:53 Uhr
 


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