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Sprachentwicklung ganzheitlich fördern PDF Drucken E-Mail

--- Udo Elfert 2009 www.udoelfert.de ---

 

Ganzheitliche Sprachförderung im Kindergarten

 

Was bedeutet es, die Sprachentwicklung von Kindern im Kindergarten und in der Kita ganzheitlich zu fördern?

Der Begriff „ganzheitlich“ wird inzwischen in vielen Bereichen als vermeintliches Qualitätsmerkmal geführt. Er muss für vieles herhalten, was - häufig nicht näher erläutert - als „gut“ beschrieben werden will. In diesem Sinne ist der Begriff „ganzheitlich“ hier nicht gemeint. Um die Frage zu beantworten, was unter „Ganzheitlichkeit“ in der Sprachförderung zu verstehen ist und wie eine solche Förderung praktisch umgesetzt werden kann, müssen wir uns anschauen, wie Kinder Sprache erwerben. Welche Rahmenbedingungen gibt es für einen ungehinderten Spracherwerb und welche Einflüsse sind förderlich für die Sprachentwicklung?

 

Kinder erwerben Sprache nicht isoliert.

Im sog. sprachlichen Output - also in dem, was die Kinder tatsächlich sagen – zeigt sich Sprache zwar entlang sprachsystematischer Kategorien, also Aussprache, Grammatik, Wortschatz (oder genauer gesagt: Phonetik, Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik/Lexikon); dies sind die sicht- bzw. hörbaren Folgen von Sprachentwicklung und Spracherwerb.

Zurück zur Kernthese: Kinder erwerben Sprache nicht isoliert. – Dies bedeutet, dass sich der sprachliche Output zwar sprachsystematisch beschreiben lässt, z.B. ob die Sprachentwicklung im Hinblick auf die Aussprache, die Grammatik, den Wortschatz oder die phonologische Bewusstheit altersgemäß ist. Die sprachsystematische Sicht beschreibt die Folgen der Sprachentwicklung und ihrer Rahmenbedingungen, erklärt und beschreibt aber nicht die Grundlagen, Voraussetzungen und Ursachen eines ungehinderten und erfolgreichen Spracherwerbs.

Anders formuliert: Kinder erwerben Sprache nicht, indem sie Aussprache „üben“, Grammatik „büffeln“ und Vokabeln „pauken“. Sprache und Sprachentwicklung muss mit Kindern im Kindergarten nicht im engeren Sinne „geübt“ werden, weil der Spracherwerb in einer sprechenden Umgebung ganz natürlich erfolgt. Genauso wie Kinder von alleine zu krabbeln, zu stehen und zu gehen beginnen (zumindest meistens), erwerben Kinder auch Sprache ganz natürlich. Der Spracherwerb erfolgt dabei immer in Wechselwirkung mit allen anderen Entwicklungsbereichen.

 

Eine kleine Auswahl von Wechselwirkungen zwischen der Sprachentwicklung und anderen Entwicklungsbereichen:

  • Hören: Das Hören (sowohl das periphere Hören als auch die zentrale Hörverarbeitung) ist Grundlage für die Sprachentwicklung. Hörstörungen und Störungen in der auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung können Ursache für eine Störung bzw. Verzögerung in Sprachentwicklung sein.
  • Sensorische Integration und Sinneswahrnehmung: Im semantischen Lexikon werden (neue) Wörter umso besser abgespeichert und sind umso besser abrufbar, mit je mehr Sinnen sie wahrgenommen worden sind. Deswegen ist es so wichtig, in der Sprachförderung mit Realgegenständen zu arbeiten und nicht nur mit Bildern. Neue Wörter und Begriffe wollen „begriffen“ und erfahren werden. (Vgl.: Wortschatzerweiterung in der Sprachförderung)
  • (Senso)-Motorik: Erst selbst Erfahrenes, selbst Begriffenes hinterlässt im Gehirn Spuren und kann in der Folge sprachlich ausgedrückt werden.
  • Beteiligt-Sein: Jeder von uns weiß: Je mehr wir an einer Sache beteiligt sind, je mehr uns ein Thema interessiert, desto besser lernen wir. Dies geht Kindern genauso.
  • Raumerfahrung: Kinder, die selber wenig Raumerfahrung gemacht haben, zeigen häufig Probleme mit der Verwendung von Präpositionen (z.B. vor, über, unter, neben, an, ...). Für die praktische Sprachförderung heißt dies dann, dass man den Kindern die Raumerfahrung ermöglicht und nicht, dass man mit ihnen Präpositionen mit Hilfe eines Übungsblattes einübt.
  • Rythmus und Betonung: Unsere Sprache ist voll von Rhythmus, Betonung und Melodie. Diese Elemente geben oft wichtige Hinweise auf den Inhalt einer Äußerung und sind unter anderem auch Grundlage für grammatische Regeln (Pluralbildung, Wortstellung im Satz, Satzarten). Kinder, die eine Störung oder Verzögerung in der Sprachentwicklung haben, zeigen oft auch ein nur rudimentäres Rhythmus- und Sprachmelodiegefühl.
  • Ich-Bewusstsein: Schon oberflächlich betrachtet, ist die Trennung von Ich, Du und Welt Grundlage, damit Kinder sprachlich auf der Ebene der Grammatik verschiedene Personalformen (1. Person: ich, 2. Person: du, ihr, 3. Person: er, sie, es) verwenden. Ich-Bewusstsein ist aber auch notwendig für den Erwerb der „richtigen“ Wortstellung im Satz. (Mehr dazu in der Fortbildung...)
  • Emotionale Entwicklung: Sprache hat verschiedene Funktionen. Die wohl wichtigste Funktion von Sprache ist die Fähigkeit, eigene Gefühle, Gedanken und Wünsche einer anderen Person mitteilen zu können. Besteht dieses Bedürfnis nicht, bzw. ist es gehindert, dann hat dies negative Auswirkungen auf die Sprachentwicklung.
  • Spielentwicklung: Grundlage der Sprachentwicklung ist die Erkenntnis, dass Wörter symbolisch für Objekte (Nomen), Zustände und Handlungen (Verben) und Eigenschaften (Adjektive) verwendet werden können. Voraussetzung für den Spracherwerb ist also ein Symbolverständnis. Dieses Symbolverständnis spiegelt sich auch in der Spielentwicklung eines Kindes (Übergang vom Funktionsspiel zum Symbolspiel). (Auch hier mehr in der Fortbildung...)

Viele andere Bereiche sind mit der Sprachentwicklung eng verwoben; eine vollständige Darstellung würde allerdings den Rahmen dieses Artikels übersteigen. Ersichtlich ist aber schon hier, dass Sprachentwicklung nicht isoliert erfolgt, sondern in enger Vernetzung mit allen anderen Entwicklungsbereichen und in diesem Sinne „ganzheitlich“.

 

Sprachförderung im Kindergarten sollte dementsprechend ebenfalls nicht isoliert erfolgen, indem mit den Kindern nur die (vermeintlichen) Defizite „weggeübt“ werden. Sprachförderung kann so garnicht erfolgen. Ganzheitliche Sprachförderung im Kindergarten

  • berücksichtigt immer die anderen Entwicklungsbereiche,
  • sieht das Kind nicht isoliert unter sprachsystematischen Gesichtspunkten, sondern immer ganzheitlich,
  • bezieht die Interessen der Kinder mit ein,
  • beteiligt die Kinder,
  • schafft positive Rahmenbedingungen für die Sprachentwicklung,
  • fördert mit allen Sinnen,
  • geht spielerisch mit Sprache um,
  • bezieht Rhythmus, Musik und Bewegung ein,
  • legt den Schwerpunkt auf den Dialog / das Gespräch und
  • stellt die Sprechfreude in den Vordergrund.

 

Sprachförderprogramme stellen häufig isoliert die Förderung bestimmter Bereiche unter sprachsystematischen Gesichtspunkten in den Vordergrund. Anders gesagt: Mit den Kindern werden defizitorientiert bestimmte Fähigkeiten geübt: die Aussprache, die Grammatik, der Wortschatz. Meist erfolgt dies dann sogar anhand von Kopiervorlagen und nicht von Realgegenständen. Die Förderung stellt dann ein Üben von Fähigkeiten (die bei den Kindern mit Förderbedarf in zu geringem Maße vorhanden sind) in konstruierten Situationen dar. Nachhaltig ist eine solche Förderung häufig nicht, da sie a) defizitorientiert und b) konstruiert ist.

 

Nachhaltiger und im wahrsten Wortsinn sinnvoller ist eine ressourcenorientierte Förderung in natürlichen Situationen.

Nur um Missverständnissen vorzubeugen: Ich stelle mit nicht generell gegen sprachsystematisch orientierte Förderprogramme. Ganz im Gegenteil können Sie bei kluger Auswahl und angemessenem Einsatz sehr hilfreich sein. Deshalb stellen die Einführung in die linguistischen Beschreibungsebenen, Kenntnisse im Hinblick auf Spracherwerb, Sprachentwicklung und Spracherwerbsstile, Erkennen von Störungen der Sprachentwicklung und verschiedene Sprachfördertechniken einen großen Teil der Inhalte einer Fortbildung Sprachförderung im Kindergarten dar.
Funktionsorientierte Förderung ist aber nur ein Teil einer ganzheitlich orientierten Sprachförderung.

 

Viele ErzieherInnen sind sich der Notwendigkeit einer ganzheitlichen Sprachförderung meiner Erfahrung nach sehr bewusst. Zum Einen wird dies durch die Vorbehalte vieler ErzieherInnen gegenüber Sprachscreenings, Sprachstandserhebungsverfahren, Sprachtests, Sprachüberprüfungen und Sprachförderprogrammen – jede Woche gibt es einen neuen Test, ein neues Programm... - deutlich. Dies ist tatsächlich nur ein Teil dessen, was gute und nachhaltige Sprachförderung ausmacht.

Die funktions- und sprachsystematische Ausrichtung vieler Programme ist ein Rückgriff auf die funktionsorientierten Sprachförderkonzepte der 1970er Jahre. Inzwischen ist man im Hinblick auf Förderansätze weiter, wie jede Erzieherin aus der Ausbildung weiß: Situationsansatz, Beziehungsansatz, ganzheitlicher Ansatz...

Darüber hinaus erfolgt Sprachförderung nicht erst mit und durch Sprachförderprogramme. ErzieherInnen fördern die Sprache von der Begrüßung bis zur Verabschiedung, von morgens bis nachmittags und dies auch nicht erst, seitdem Sprachförderprogramme durchgeführt werden. In diesem Sinne ist es wichtig, den ErzieherInnen auch ihre bereits vorhandenen Fähigkeiten und Ressourcen deutlich zu machen, sie auf ihre auch ohne Sprachförderprogramme und Fortbildungen vorhandenen Sprachförderkompetenzen hinzuweisen und diese Wert zu schätzen.

Sprachförderung findet im Kindergarten ohnehin statt: Jedes Gespräch im Stuhlkreis, jede dialogische Kommunikation, jedes gesungene Lied, jede rhythmische Bewegung, ja jede Sinneserfahrung stellt im Grunde eine Sprachfördermaßnahme dar. Es geht in der Sprachförderung im Kindergarten nicht darum, das „Rad neu zu erfinden“, sondern darum, die Kinder ganzheitlich zu fördern und vorhandene Sprachfördermaßnahmen geschickt zu verbinden, den Fokus mehr auf die Sprachentwicklung zu richten, die Erzieherinnen zu guten Sprachvorbildern auszubilden, die eigenen sprachlichen Kompetenzen der Erzieherinnen und die sprachliche Bewusstheit zu fördern und all dies angemessen mit funktionsorientierten Sprachförderprogrammen zu vernetzen.

 

--- Udo Elfert 2009 www.udoelfert.de ---

 

Vgl. auch: Ganzheitliches Sprachförderkonzept nach Udo Elfert

Eine ausführliche Darstellung möglicher Seminar-Inhalte finden Sie als pdf-Dokument unter: Inhalte Fortbildung ganzheitliche Sprachförderung im Kindergarten (ausführlich)

 

 

 

 

 



Zuletzt aktualisiert am Montag, den 20. Dezember 2010 um 19:03 Uhr
 


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