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--- © Udo Elfert 2009 http://www.udoelfert.de ---
Viele zweisprachige Kinder, aber auch viele Kinder mit Deutsch als Erstsprache weisen Defizite im Wortschatz auf. Häufig fallen diesen Kindern nicht die passenden Wörter ein, sie verwenden Vielzweckwörter (Dings, das da, machen, tun) oder Füllwörter (äh, hm). Oft kommt es auch zu Satzabbrüchen, Umschreibungen, Gebärden und einer unflüssigen Sprache. Bei einigen dieser Kinder ist nicht nur der aktive Wortschatz sondern auch der passive Wortschatz und damit das Sprachverständnis eingeschränkt.
Mentales Lexikon, Wortschatz und Sprachförderung
Alle Wörter sind in unserem Gehirn in einem sog. semantischen Lexikon – einem inneren, mentalen Lexikon – abgespeichert. Die Wörter in diesem Lexikon sind nun nicht wie in einem realen Lexikon nach Anfangsbuchstaben sortiert, sondern nach anderen Kriterien abgespeichert und miteinander vernetzt. Man spricht dann von einem sog. semantischen Netz. Will man die Sprachentwicklung bei Kindern im Bereich Wortschatz fördern, so ist es absolut notwendig, den Aufbau und die Funktionsweise dieses inneren semantischen Lexikons zu kennen. Erst dann ist es möglich, den Wortschatz bei Kindern gezielt und nachhaltig aufzubauen. Grundlage des Wortschatzaufbaus sind fundierte sprachwissenschaftliche und psycholinguistische Erkenntnisse. Im Seminar geht es darum, den Teilnehmer/Innen nicht nur theoretisches Grundwissen mit an die Hand zu geben, sondern vor allem das Bewusstsein über die eigene Sprache und Sprachverwendung (metasprachliches Bewusstsein) zu fördern. Vereinfacht gesagt: Wenn ich weiß, wie das innere Lexikon funktioniert und wie neue Wörter in diesem Lexikon abgespeichert werden, dann kann ich mich sprachlich dementsprechend verhalten und den Aufbau des Wortschatzes bei Kindern optimal fördern. Im Seminar wird vor allem Wert auf Alltags- und Praxistauglichkeit gelegt.
Wie unser semantisches Lexikon aufgebaut ist und wie Wörter in diesem Lexikon abgespeichert und aktiviert werden, möchte ich im Folgenden anhand des Beispielwortes „(der) Elefant“ erläutern. Zunächst muss unterschieden werden zwischen dem Wort „(der) Elefant“ und der Bedeutung des Wortes. Eingetragen im semantischen Lexikon sind zunächst Bedeutungen, die dann an entsprechende Wörter gekoppelt werden. Nun steht im Lexikon nicht das Wort „Elefant“ unter dem Buchstaben „E“, wie das aus einem herkömmlichen Lexikon bekannt ist. Wörter und Bedeutungen sind innerhalb des semantischen Lexikons vielmehr miteinander verknüpft, so dass sich ein komplexes Bedeutungsnetzwerk ergibt. „Elefant“ ist zum Beispiel verknüpft mit den Hauptwörtern „Zoo“, „Rüssel“, „Tiger“ (sofern der Elefant sein Gehege neben dem des Tigers hat), „Gehege“ und „Maus“ (Elefanten sollen Angst vor Mäusen haben), mit dem Verb „stampfen“ und den Adjektiven „groß“ und „grau“.

Die Einträge im Lexikon sind ihrerseits nicht nur mit „Elefant“, sondern auch untereinander verknüpft. Auch der „Tiger“ wohnt im „Zoo“, auch der „Tiger“ lebt in einem „Gehege“ und auch die „Maus“ ist „grau“.

Alle Einträge sind wiederum mit vielen anderen Einträgen verbunden, ähnlich wie die Seiten im World-Wide-Web durch Links miteinander verknüpft sind. So ist nicht nur der „Elefant“ groß, sondern auch ein „Haus“. „Groß“ ist mit seinem Gegenteil „klein“ verknüpft, welches wiederum mit „Maus“ verbunden ist. So ergibt sich im Laufe des Spracherwerbs bei Kindern ein immer komplexeres Netzwerk aus Bedeutungen und Wörtern.

Die Netzwerke dieser Art sind wiederum untereinander verknüpft, so dass sich ein ausgesprochen komplexes Netzwerk von Wörtern und Bedeutungen entwickelt, bei dem fast jedes Wort (bzw. jede Bedeutung) mit jedem anderen Wort (bzw. jeder anderen Bedeutung) über wenige „Verbindungspunkte“ miteinander verknüpft sind. (Derartige Netzwerke finden wir im Übrigen auch im Gehirn in Form von Nervenzellnetzwerken.) Ein Eintrag in diesem semantischen Netzwerk ist umso stabiler und umso leichter abrufbar, mit je mehr Einträgen er verbunden ist.
Was bedeutet das für die Sprachförderung und die Förderung des Wortschatzaufbaus?
Wollen wir als ErzieherInnen oder auch als Eltern den Wortschatz der Kinder vergrößern und sie im Hinblick auf ihre Sprachentwicklung fördern, so müssen wir berücksichtigen, wie Kinder überhaupt zu neuen Wörtern kommen und wie diese Wörter im semantischen Lexikon gespeichtert werden. Wir müssen also berücksichtigen, dass sich beim Erwerb neuer Wörter ein Netzwerk von Bedeutungen entwickelt, bei dem jede Bedeutung (jedes Wort) mit vielen, vielen anderen Bedeutungen verknüpft sind. Entscheidend für den Wortschatz ist es daher, dass die Wörter bzw. ihre Bedeutungen mit möglichst vielen anderen Lexikoneinträgen verknüpft sind. Ist dies der Fall, dann sind die Wörter stabil im Lexikon verankert, werden nicht so leicht wieder vergessen und sind in den konkreten Situationen leichter und schneller abrufbar. – Es geht also nicht um das „Lernen von Vokabeln“, sondern darum, dass wir den Aufbau des Bedeutungsnetzwerkes fördern. Für die Praxis bedeutet das, in Wortfeldern (in semantischen Feldern) zu „arbeiten“. Es geht nicht darum, den Kindern heute alle Obstsorten, morgen alle Möbelstücke und übermorgen alle Bauernhoftiere zu nennen bzw. mit ihnen einzuüben. Bei einer solchen Vorgehensweise bilden sich keine komplexen Netzwerke aus. Die auf solche Weise „gelernten“ Wörter stehen alleine da, haben nur wenig Verknüpfungen, bilden also ein nur rudimentäres Netzwerk, sind daher nicht stabil verankert, werden leichter vergessen und sind in den konkreten Situationen nicht abrufbar (Wortfindungsschwierigkeiten). Es geht also eher darum, mit den Kindern einige Male (quasi exemplarisch) semantische Felder zu erarbeiten. Beim Thema „Frühstück“ können dann solche Wörter wie Brot, Brötchen, Marmelade, Käse, Wurst, Butter, Apfel, Obst, essen, schmatzen, schmecken, lecker, süß, salzig und so weiter miteinander in Verbindung treten und ein Netzwerk bilden bzw. ein vorhandenes Netzwerk ergänzen. Auch ist es wichtig, die Wörter immer wieder – sowohl im gleichen, als auch in unterschiedlichen Kontexten – zu wiederholen, damit die vorhandenen Verknüpfungen stabilisiert und neue Verknüpfungen gebildet werden können.
Weitere wichtige Voraussetzungen, damit Bedeutungen, Wörter und die Sprache im Allgemeinen erworben werden, sind:
- Alltagsrelevanz: Was für das alltägliche Leben relevant ist, wird besser verinnerlicht.
- Natürliche, lebensnahe Situationen: In isolierten, konstruierten Situationen findet kein Erfahrungslernen statt.
- Beteiligung der Kinder, den Interessen der Kinder folgen.
- Sprechfreude: Was mit Freude erfahren wird, führt zum nachhaltigen Lernen.
- Einbezug möglichst vieler Sinne: Erfahrungslernen findet nur über die Sinne statt.
- Handlungs- und bewegungsorientierte Sprachförderung: Handeln bedeutet Erfahren bedeutet Verinnerlichen.
- Einbezug der Emotionalität
- Dialogische Kommunikation
Isolierte, konstruierte und funktionsorientierte Sprachförderprogramme, bei denen mit Kindern mehrfach wöchentlich für einige Minuten an einer Sprachfunktion (z.B. Wortschatz, Aussprache, Grammatik usw.) geübt wird, werden dem, wie Kinder lernen, nur ungenügend gerecht. Welche konkrete Form die Sprachfördermaßnahmen annehmen, hängt in erster Linie von den individuellen Vorlieben der ErzieherInnen und den alltäglichen Bedingungen im Kindergarten ab.
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